«Wir sabotieren uns manchmal selbst»

Demnächst erscheinen die «letzten Geheimnisse einer rationalen Welt» von Cartoonist Ruedi Widmer zum 1000. Mal. Fast genauso oft hat Johannes Binotto seine Kolumne «Lomo» veröffentlicht. Anlass genug für Gespräch mit den beiden Humoristen.

Demnächst erscheint die 1000. Folge Ihrer «Letzten Geheimnisse einer rationalen Welt». Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die Anfänge im Jahr 2000  zurückdenken?
Ruedi Widmer: Dass es eine total andere Zeit war damals. Hier, wo wir jetzt sitzen (im Café Alltag, Anm. der Red.) war noch das Kafi Troika. Ich weiss das noch gut, ich habe daraus auch einmal ein «Geheimnis» gemacht, mit einem trojanischen Pferd, das vor dem Kafi Troika steht. Es ist ein super Beispiel dafür, was ich lustig finde, und wie ich manchmal denke, das findet wohl sonst gar niemand sonst lustig, ausser Du (Binotto ansprechend) und ich, weil es so doof ist.

Johannes Binotto: Das Beispiel zeigt auch, dass Du (Widmer) bei den «Geheimnissen» frei bist.

Widmer: Ja, das Format ist hochgradig experimentell. Es ist das Avantgardistischste, was ich mache. Angefangen hat alles mit dem «Spots» (der einstigen Veranstaltungsbeilage des «Landboten», Anm. der Red.). Da war Karikaturist Peter Gut mit seinem Comic-Strip Alphons drin. Als ich erfuhr dann, dass jemand Neues gesucht wurde, überlegte ich mir, dass man über Phänomene nachdenken könnte, also jedes Mal etwas Neues behandeln, ohne einen festen Charakter. Am Anfang waren die «Geheimnisse» auf der zweitletzten Seite, da hat ihn kaum einer gesehen. Auch durch diese Freiheit ist der Comic geworden, was er ist.

Geheimnis #140


Das Geheimnis zum Kafi Troika.

Ungewöhnlich ist für das Genre ist der sehr oft hohe Textanteil.
Widmer: Ja, und bei frühen Folgen war ich da zum Teil noch viel radikaler. Ich habe damals auch noch schlechter gezeichnet, einen Anti-Stil gepflegt. Dass ich heute lieblicher zeichne, hat mit einer persönlichen Veränderung zu tun. Die Entwicklung kann man bei jeder Popband beobachten.

Binotto: Bei meiner Kolumne ist das auch so. Sie war früher oft aggressiver. Manchmal finde ich es schade, dass das verloren ging. Man hat Familie, kennt viele Leute, will keinen verletzen. Manchmal, wenn ich etwas Altes von mir lese, finde ich es aber auch etwas pubertär, immer so mit der Motorsäge unterwegs zu sein! Bei Dir finde ich super, dass Du selbst bei Dingen, die dich extrem ärgern, absurd bleiben kannst. Darauf bin ich etwas eifersüchtig. Bei Dir gibt es Leute, die sich angegriffen fühlen, aber nicht sagen können warum,. Andere müssten sich angegriffen fühlen – und merken es nicht.

Wie kommt es zu dieser offenen Komik, die fast immer ohne Aggression auskommt?
Widmer: Der «Landbote» ist eine Zeitung, die ein breiteres Publikum hat, das politisch nicht so klar festgelegt ist. Bei der WOZ (Wochenzeitung, für die Ruedi Widmer ebenfalls zeichnet, Anm. der Red.) ist es so, dass ich eher mit einer politischen Stossrichtung arbeite. Das Mäandernde in den «Geheimnissen» ist etwas anderes, dadurch mache ich mich nicht so angreifbar. Ich will zwar auch hier ein Haltung zeigen, eine linksliberale Haltung, aber ich lege mich nicht so eindeutig fest. Und mit dem mäandernden Stil kann ich mich auch über mich selbst lustig machen.

Binotto: Es steckt sogar etwas Politisches in diesem Stil. Ich bin überzeugt, dass man die wirklich wichtigen Fragen nicht mit Ja oder Nein beantworten kann. Genau darum geht es doch, um die Ambivalenz. Es stört mich, wenn Leute nicht fähig sind, mehrere Sachen im Kopf zu behalten und zu tolerieren, dass sie sich widersprechen.

Widmer: Das macht es aus, dass wir nicht zum Radikalismus tendieren. Das «Geheimnis» hat manchmal keine Pointe oder es hat zehn. Ich hatte damals, als ich anfing, schon ab und zu für das Satiremagazin «Titanic» gearbeitet, ihnen Texte geschickt. Die haben mir gesagt, das ist gut, aber da muss noch etwas kommen. Die Komik mit keiner eindeutigen Pointe habe ich dann bei Rattelschneck (Pseudonym zweier deutscher Cartoonisten, Anm. der Red.) entdeckt. Einer der Zeichner hat mir mal erzählt,  dass sie in Deutschland mit ihren Sachen einen eher nicht so leichten Stand haben. In der Schweiz sei die Bereitschaft grösser, über dieses Mäandernde zu lachen.

Lomo von Johannes Binotto


Kürzungsvorschl…

Ich wusste gar nicht, dass der Landbote ein neues Layout. Aber letzte Woche ist es mir aufgefallen, weil meine Kolumne gekürzt werden. Das ist für einen geübten Schreiber immer ein bisschen. Weil man sich ja schliesslich angewöhnt hat, die eigenen Texte exakt auf die richtige Länge. Mit den Jahren hat man das nämlich irgendwie verinnerlicht, wie lang so eine Kolumne. Und jetzt soll ich also in Zukunft alles ein bisschen kürzer. Zugegeben, viel ist es ja nicht, was da. Es sind sogar nur ein paar wenige. Aber mich so einfach auf die neue Länge einstellen, fällt mir trotzdem noch etwas. Das ist halt so, wie bei einem Lied, das man auswendig kann und einem dann plötzlich eine Zeile nicht mehr. Irgendwie stört einen. Soll ich also einfach weiterhin die Texte gleich lang? Und dann der Redaktion: «Kürzt es doch einfach so, wie ihr findet, dass es.» Das wäre für mich zwar einfach, aber wohl doch etwas unfair gegenüber. Und ausserdem besteht da die Gefahr, dass die Redaktion dann ausgerechnet die Pointe. Oder prompt jenes lustige Wort an dem ich stundenlang. Also wenn, dann besser doch gleich selber Kürzungsvorschläge. Was dann hingegen auch wieder ziemlich aufwändig.

Doch dann ist mir aufgefallen, dass man ja bei Sätzen gar nicht alle Wörter. Das ist in alltäglichen Gesprächen ja auch. Da macht man oft die Sätze gar nicht richtig. Und trotzdem weiss das Gegenüber immer, was man sagen. Auch wenn Leute ins Stocken geraten, dann kommt es doch oft vor, dass dann die Andern weiter. Das passiert ganz. Man vervollständigt den Satz kurzerhand im eigenen.

Also hab ich meiner Redaktion mitgeteilt, sie sollen doch bitte in Zukunft, einfach bei jedem Satz das letzte Wort. Oder zumindest so lange, bis ich mich an die neue Länge der Kolumne gewöhnt. Und wer weiss, vielleicht spar ich ja mit dieser Methode sogar so viel ein, dass ich in Zukunft auch auf dem engeren Platz sogar noch ausführlichere Lomos schreiben kann als. Möglicherweise könnte ich so ja ganze Romane in die Zeitung. Indem ich nicht nur die Wörter am Schluss, sondern grad alle Wörter, die sowieso schon alle kennen, einfach. Das wär zum Lesen zwar etwas. Aber es spart. Und auch. In diesem: Weiterhin gute.
(Lomo)

Geheimnis #22

Wie kommen die «Geheimnisse» zustande, haben Sie einen festen Arbeitsprozess?

Widmer: Es fängt so an, dass ich den Text in ein Mailfenster schreibe und an mich selbst schicke, darüber schreibe ich «Idee». Es ist so, dass ich dann noch immer das Zeichnungspad aus dem Gründungsjahr nutze. Das «Geheimnis» ist ein Prozess, dem man bei der Rezeption zusehen kann.

Binotto: Es hat mit Beweglichkeit im Kopf zu tun, dass man nicht schon von Anfang an die Pointe parat hat, die es nur noch abzuschiessen gibt. Das kannst Du extrem gut, ich weniger. Beim Schreiben merke ich manchmal, das ich das nicht machen kann. Früher habe ich oft mehrere Ideen in eine einzige Kolumne gepresst, wenn heute etwas nicht rein passt, lasse ich es weg.

Widmer: Du hast aber auch einen Vorteil, weil Du als Autor selbst vorkommst. Ich kann nicht aus dem Nichts über irgendein Thema reden, das mich betroffen gemacht hat.

Binotto: Dieses Private ist eine gute Quelle, das den meisten gefällt, aber manchmal nervt es mich auch. Wenn man von den eigenen Kindern erzählt, dann finden das alle «jö». Man gerät da aber rasch in eine Falle. Eine Kolumne ist erfolgreich, wenn sie mehr vom Gleichen bringt. Ich geniesse es aber, wenn ich mich nicht immer selbst, sondern alles Mögliche  zum Thema machen kann. Die Kolumne darf zum Beispiel auch ernst sein.

Widmer: Es ist keine Familienkolumne. Es gibt Momente, wo etwas Unerwartetes einbricht, das macht Deine Kolumne spannend.

Binotto: Das macht sie auch für mich selbst spannend, es gibt dafür ein Publikum. Die Gefahr besteht aber, dass man damit eine Reihe Leser verliert. Es ist aber interessanter, wenn man die Leute irritiert.

Widmer: Wir sabotieren uns selber, einen Teil der Leute verliert man so, den anderen aber erreicht man, glaube ich, besonders intensiv.

Bisweilen ist Ihr Humor aber auch sehr zugänglich.

Widmer: Ich weiss, es ist manchmal eine Zumutung, was ich mache, nur schon, weil man so viel lesen muss. Ich gehe ja vom Text aus, mir liegt Sprache. Auch darum bringe ich ab und zu einen Einbilder-Cartoon, setze einfach um, was mir am Morgen in den Sinn gekommen ist. Wie den «Mond im Orientexpress». Ich hätte dazu eine längere Abhandlung machen können, fand dann aber, es muss ein richtig romantisches Bild werden.

Binotto: Anders als etwa im Cartoon des New Yorkers ist es bei Dir nie so, dass das Bild durch den Text austauschbar wird.

Widmer: Text ist wie bei der Gitarre einfach einmal ein Ton, den man dann mit der Zeichnung verzerren kann. Die Zeichnung bringt die Idee auf eine andere Kommunikationsebene. Man fragt sich: Meint er das jetzt ernst. Gerade mit diesen «Mansgöggeli» von mir, die sind auch etwas mein Tritck. Indem man so kindlich zeichnet, kann man sehr viel entwaffnen. Man kann etwas viel böser sagen, ohne abgelöscht zu klingen.

Binotto: Ich glaube auch, dass Deine Cartoons mehrfach lesbar sind, auch für Leute, die super Fans sind von den Kartoffelfiguren. Das hängt auch wieder damit zusammen, dass es nicht eine einzige Pointe gibt. Wir sind beide Fans von Jacques Tati, in seinen Filmen wird einem auch nicht gesagt, wo es lustig ist. Das hat eine ethische Komponente: Es gibt keine Diktatur der Pointe. Man sagt den Leuten, Du musst selber entscheiden, was du lustig findest.

Geheimnis #114

Lomo von Johannes Binotto


Strohwittwer

Ich bringe Frau und Kinder noch auf den Zug und während dieser sich erst in Bewegung setzt, regrediere ich bereits vom aufopfernden Hausmann zum rücksichtslosen Genussmenschen. Diesen Abend, so nehme ich mir vor, werde ich nun endlich mal wieder all das nachholen können, wozu ich im Familienalltag nicht komme. Ich reibe mir die Hände voller Vorfreude und grinse irr. Jetzt kann ich die DVDs gucken, die sich schon auf meinem Pult stapeln. Aber welche? Ich könnte ja einfach die ganze Nacht lang Filme schauen. Oder doch lieber mal wieder mit voller Lautstärke Musik hören? Da gibt‘s ja auch schon wieder so viel, was ungehört rumsteht. Richtig luxuriös essen – das auf jeden Fall! Soll ich mir ein saftiges Steak machen, so richtig mit Pommes und endlich nicht teilen müssen mit den Buben, die immer auch von meinen Pommes wollen? Pizza bestellen! Pizza selber machen? Wein muss sein! Warum nicht Muscheln? Nur für mich allein – richtig dekadent, übertrieben. Eine Flasche Sekt könnte ich doch auch aufmachen. Die habe ich verdient! Und dann später noch in die Stadt auf einen Schlummertrunk. Mit Freunden! Oder doch lieber zuhaus bleiben? Stille geniessen? Mal wieder in Ruhe ein Buch lesen? Ein Bad nehmen? Früh ins Bett gehen? Endlich ungestört schlafen will ich ja auch endlich mal wieder. Und dann wacht man nachts um zwei gerädert vor dem laufenden Fernseher auf. Den ganzen Abend hat man nur doofe TV-Shows geguckt und sich an zwei Tüten alten Chips den Magen verdorben. Wein und der Sekt stehen immer noch im Keller, nur ein paar traurige Bierdosen sind zu Besuch in der Stube. Ich bin froh, wenn dann die Kinder endlich wieder zuhaus sind. Wenigstens ist man dann nicht alleine Schuld, wenn der Abend mies war.

Man kann es aber noch dümmer machen. So wie ich diesen Donnerstag: Da habe ich endlich mal sturmfreie Bude und den ganzen Abend für mich und statt so richtig die Sau rauszulassen, schreibe ich eine Kolumne drüber. Und fress einen Sack Guetzli dazu.
(Lomo)

Johannes Binotto, Ihre Themen kommen oft aus der Familie, ist es manchmal schwer, Privates preis zu geben?

Binotto: Das ist ein Trugschluss. Viele Leute meinen, sie wissen viel über mein Privatleben, die Kolumne ist aber auch immer eine Fiktion. Es gibt Dinge, die viel intimer sind, konzeptuelle Sachen, bei denen kann man direkt in meinen Kopf sehen. Wenn ich dagegen erzähle, was für ein Pyjama ich habe, ist das nicht privat. Jeder hat irgendeinen Pyjama. Die Familienszenen sind oft nur ein Sprungbrett, ich verpflanze Ideen ins Familiensetting. Umgekehrt verorte ich auch Privates woanders.

Sie haben daheim nie wegen einer Kolumne Ärger?

Binotto: Es ist fast immer banal, was ich preisgebe. Wenn man genau hinschaut, was man über meine Familie erfährt, dann ist das wahnsinnig wenig. Natürlich gab es schon Diskussionen, es gibt Dinge, die ich aus der Familie nehme, wo meine Frau das Gefühl hat, da ergibt sich ein bestimmtes Bild von uns. Beim meisten Material, das aus der Familie kommt, passiert automatisch eine Umformung. Und eben, ich finde es eine Falle, wenn Kolumnen zum Beispiel immer vom eigenen Kind erzählen.

Widmer: Auch dort nicht sicher, dass es stimmt.

Binotto: Ja, aber es ist eine funktionierende Strategie. Da habe ich schon auch das Gefühl, dass mir bei einer anderen Zeitung die Redaktion mehr dreinreden würde.

Widmer: Da muss man dem «Landboten» einen Kranz winden, diese Freiheit, die wir haben, anderswo zu finden, wäre heute sehr schwierig.

Was tun Sie, wenn sich das leere Blatt Papier –  oder das Zeichenpad nicht füllt?

Widmer: Bei mir ist immer der Montag der «Geheimnistag». Manchmal habe ich am Nachmittag um drei noch keine Idee. Am «Geheimnis» von letzter Woche zum Beispiel habe ich den ganzen Tag herumgedoktert und bin bis jetzt nicht sicher, ob es logisch aufgeht. Mir ist am Montagmorgen der Türspalt ins Kinderzimmer aufgefallen. Ich habe gedacht, das ist ein Thema, da könnte man mal etwas darüber machen. Ich mache gerne etwas über banale Gegenstände. Der Türspalt ist ja nichts. Es ist etwas, das es nur gibt, weil es von anderen Objekten umgrenzt wird, nicht gemacht wie ein Loch, sondern zufälliger, eine Lücke. Es ist alles in allem eine komische Herleitung. Das ist ja auch das Schöne, man hat eine Stammleserschaft, der man nichts erklären muss, die weiss, wie man funktionierst.

Binotto: Was ich auch manchmal denke, wenn die Deadline näher rückt: Es ist ein Trugschluss, dass es eine gute Idee braucht. Man hat diese Vorstellung, dass eine Idee so gut ist, dass sich die Kolumne von selber schreibt. Dabei geht es eher um die eigene Einstellung, dass man sagt, ich mache aus dieser Idee etwas. Da hast Du auch so ein Talent, weil man spürt: Da investiert sich jemand voll in eine Banalität.

Geheimnis #825

Lomo von Johannes Binotto


Die Liebhaber-Schulter

Bei allzu einseitiger Beanspruchung der Unterarmmuskeln spricht man von einem «Tennisarm». Zu einer Seitenbandverletzung des Daumens, wie sie gerne bei Wintersport-Unfällen vorkommt, sagt man im Volksmund «Skidaumen». Nun hat mir mein Vermieter erzählt, dass unter Ärzten zuweilen auch von so etwas wie einer «Liebhaber-Schulter» gesprochen wird, einer Form der Verspannung, die sich besonders gerne dann einstellt, wenn man sich auf der Couch aneinanderkuschelt und dabei den Arm um die Schulter des Partners legt, wo der Arm dann allzu lange in einer unnatürlich fixen Position verharrt.

Das ist ein typisches Beispiel dafür, dass es in Liebesfragen immer um ein Abwägen zwischen persönlichem Wohlbefinden und gemeinsamer Romantik geht – ein Balanceakt, der umso schwieriger ist, als sich beides mitunter gegenseitig komplett ausschliesst. Zusammen die Nacht auf einer schmalen Einzelmatratze zu verbringen, ist zum Beispiel sagenhaft romantisch, aber auch sagenhaft unbequem, was dazu führt, dass die abendliche Zärtlichkeit nicht selten nahtlos in eine morgendliche Gehässigkeit übergeht. Tatsächlich kann man ziemlich genau berechnen, wie sich Beziehungssdauer umgekehrt proportional zur Schmerztoleranz verhält: Frisch Verliebte etwa, vermögen stundenlang auf kalten Steinbänken auszuharren und nehmen für den ersten Kuss auch eine Blasenentzündung in Kauf, während gestandenen Ehepaare oft nichtmal in gut beheizten Cafés mehr miteinander schmusen mögen. Männer, die zum Beginn einer Beziehung noch gerne ihr Gesicht im wallenden Haar der Partnerin vergruben, kriegen nach einigen Jahren einen Niesanfall nur schon bei der Vorstellung, wie das Haar sie an der Nase kitzelt. Und assozierte man einst «Kama Sutra» mit grenzenloser Lust, so kommen einem dabei im Laufe der Zeit nur noch Begriffe wie «Bänderriss» und «Muskelzerrung» in den Sinn. Romantik oder Gesundheit: das ist das unlösbare Dilemma der Liebe und teuer wird es auf jeden Fall. Es ist nur die Frage, wo man das Geld am Ende ausgibt: beim Scheidungsanwalt oder in der Physiotherapie.
(Lomo)

Als Humoristen exponieren Sie sich auch. Was waren Ihre negativsten Erfahrungen?

Widmer: Ich habe einmal einen Shitstorm erlebt, bei einer Zeichnung, die bei Spiegel-Spam (der Satirerubrik von Spiegel-Online, Anm. der Red.) erschienen ist. Es ging um das abgestürzte Flugzeug der Malaysia-Airlines, das man nicht mehr gefunden hat. Ich habe eine Zeichnung gemacht, die im Humor-Umfeld sehr gut angekommen ist: Eine Frau, die Staub saugt, findet die Trümmerteile unter dem Bett. Die von Spiegel-Online haben die Zeichnung dann verlinkt, und ich habe gesehen, dass sich Hunderte von Leuten darüber geärgert haben. Dabei ging es mir nicht um die Tragödie, sondern nur um die Suche, darum, dass man das Flugzeug je länger je mehr an den verrücktesten Orten vermutet hat. In den Online-Kommentaren haben aber alle gefunden, der macht sich über die Opfer lustig. Interessant fand ich, dass mich keiner der Kritiker gegoogelt hat, es wurde gemutmasst, den Cartoon habe bestimmt der Lehrling von Spiegel online gemacht.

Ist die «Political Corectness», wie wir sie aus den USA importiert haben, ein Humor-Töter?

Binotto: «Political Correctness» ist auch ein Kampfbegriff der Konservativen, der verwendet wird, um berechtigte Kritik mundtot zu machen. Aber natürlich finde ich es fatal, wenn Dinge von Kritikern aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es ist signifikant, dass in dem Beispiel von Ruedi Widmer nicht über die Zeichnung geredet wurde, sondern nur über die Tragödie selbst. Ich habe das selbst bei den komischsten Sachen erlebt. Bei einer Kolumne, in der ich mich über Rasenmäher-Roboter lustig gemacht hatte, haben mir drei Leser total empört geschrieben. Ich finde das aber auch toll, wenn Leute sich schützend vor ihre Rasenmäher-Roboter  stellen. Wenn die Kritik eine Diskussion ermöglicht, finde ich sie nie ein Problem.

Widmer: Ich habe mich auch schon bei Leuten entschuldigt, deren Einwand ich nicht nachvollziehen konnte, einfach, weil ich gemerkt habe, dass ich sie verletzt habe.

Geheimnis #811


Das Lieblingsgeheimnis vom Schaffer persönlich.


Recht auf Unanständigkeit

Haben Sie schon mal die Leute am Nebentisch gefragt, ob es sie störe, wenn Sie rauchen? Haben Sie schon mal jemandem der Ihnen in Winterthur auf Hochdeutsch eine Frage gestellt hat, auf hochdeutsch geantwortet? Haben Sie schon mal vegetarisch gekocht, weil Sie wussten, dass der Besuch kein Fleisch isst? Haben Sie schon mal den Kindern gesagt, sie sollen die Musik leiser drehen, weil es die Nachbarn stören könnte?

Sollten Sie auch nur eine dieser Fragen mit Ja beantworten, dann steht es schlecht um Sie, denn offensichtlich machen Sie sich Gedanken über die Empfindungen und Wünsche anderer. Das ist sehr heikel, wenn nicht sogar gefährlich antiliberal und eine Bedrohung der Meinungsfreiheit. So jedenfalls müssten das eigentlich all jene sehen, die momentan gegen die angeblich grassierende politische Korrektheit wettern. Diese finden es zum Beispiel empörend, dass man überhaupt wagt darüber zu diskutieren, ob man auf rassistische Ausdrücke und sexistische Bemerkungen nicht gescheiter verzichten soll und schreien sofort entrüstet "Bevormundung!". Dass es dabei ganz einfach um Anstand gehen könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Ich dachte eigentlich immer, andere nicht mutwillig verletzen zu wollen, einfühlsam zu sein und sich so zu verhalten, dass die Umgebung sich wohl fühlt – das sei weniger eine Frage der politischen Gesinnung, als vielmehr eine Frage der Kinderstube.

Dieselben Leute, die über den Untergang der Sitten wettern, weil im Bus der Sekschüler nicht der zusteigenden Grossmutter Platz macht, finden es eine unerträgliche Zumutung, wenn sie in einem Text geschlechterneutrale Formulierungen lesen müssen und begreifen dabei nicht, dass es hier wie dort schlicht um Höflichkeit geht.

Aber keine Sorge: Befehlen kann man Anstand ohnehin nicht. Wer findet, es gehöre wesentlich zu seiner Persönlichkeitsentfaltung dümmliche Witze über Minderheiten zu erzählen, darf das auch weiterhin. Nur beweist er oder sie damit etwas so viel Stil, wie wer mit Berufung auf die freie Meinungsäusserung beim Firmenapéro den Chef anrülpst und an den Gummibaum pinkelt.

Drum bitte, bitte: Hören wir auf, als mutigen Kampf gegen den Mainstream zu verbrämen, was eigentlich nur Unfähigkeit zur Einfühlung ist. Wer sich dafür einsetzt, verletzenden Müll verzapfen zu dürfen, kämpft damit weder für das Recht auf freie Meinungsäusserung, noch für den Erhalt des Abendlandes, sondern einzig für das Recht, unanständig zu sein. Dieses Recht kann man uns in der Tat nicht nehmen. Wir können nur bereitwillig darauf verzichten.
(Lomo)

Geheminis #820

Ist heute eine gute oder eine schlechte Zeit für Humoristen?

Binotto: Was nicht gut ist für den Humor, ist, wenn die Menschen nicht mehr die Zeit und die Aufmerksamkeit haben, um sich auf eine Diskussion einzulassen. Wenn nur noch in Schlagwörtern gedacht wird. Die Entwicklung der Medien geht in die Richtung, dass nur noch schnelles Reagieren zählt. Das ist das Problem, das macht die Diskussionen dumm. Humor, der nur auf eine Punchline aus ist, schmiegt sich diesem Denken an. Ein Humor, der ambivalent ist, hat es schwieriger, aber er wird umso wichtiger.

Widmer: Es wird heute immer gleich nach einer Meinung gefragt. Das ist die neue Realität, dabei ist gar nicht sicher, ob das Publikum das so will und, das andere, die Ambivalenz, sie überfordern würde.

Binotto: Dass Du erfolgreich ist, zeigt, es gibt ein Interesse an diesem anderen.

Widmer: Wenn Du die Klickzahlen anschaust, ist das vielleicht nicht so.

Binotto: Dann sind die Klickzahlen vielleicht die falsche Messgrösse.

Kehren wir noch einmal an den Anfang zurück. 1000 «Geheimnisse» von Ihnen, Ruedi Widmer, fast ebenso viele Lomo von Ihnen, Johannes Binotto – hätten Sie jemals gedacht, dass Sie an diesen Punkt kommen? Und wie soll es jetzt weiter gehen?

Widmer: Ich habe schon bei 500 Folgen gedacht, es wäre cool bis 1000 weiterzumachen, auch wenn es utopisch war. Jetzt sage ich mir, ich mache so lange weiter, wie es geht. Es ist auch ok, wenn es mal vorbei ist, aber es ist immer noch ein Genuss, die Geheimnisse zu machen.

Binotto: Die lange Dauer hat einen eigenen Wert. Ich finde das etwas Cooles. Das Weitermachen an sich ist wichtig. Auch wenn nicht jede Folge ein Meisterwerk ist, die Kontinuität ist da.

Widmer: Die Kontinuität, die anderswo verloren geht. Ich habe mit 25 Jahren mit den Geheimnissen angefangen, noch nie habe ich etwas so lange gemacht, und das auch noch jede Woche. Und trotzdem kommt es mir nicht so vor, als würde ich es ewig machen.

Binotto: Für mich ist das Schreiben ein bisschen wie ein Instrument zu spielen, es ist auch eine Fingerübung. Es darf auch einmal «abverheien». Ich hätte mit meiner Kolumne nie zu einer anderen Zeitung gewollt. Wenn ich Diskussionen hätte, welche Themen ich wählen muss, würde es mir schnell verleiden.

Widmer: Die Geheimnisse sind au sehr an den Landboten gebunden. Ich könnte mir schon vorstellen, etwas Ähnliches zu machen, aber ich weiss nicht, ob das geht. Das Coole, wenn man etwas so lange macht, ist, dass man den Lesern nichts mehr erklären muss. Dafür braucht es Zeit, mindestens 50 Folgen, bis so richtig klar ist, wie etwas funktioniert.

Der Cartoonist
Ruedi Widmer (46) arbeitet unter anderem für den «Landboten», den «Tages-Anzeiger» und die «Wochenzeitung». Er wohnt in Winterthur, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Johannes Binotto (42) ist Kultur- und Medienwissenschaftler, er arbeitet als Dozent für Filmtheorie an der Hochschule Luzern Design & Kunst, als Redaktor bei der Zeitschrift «Filmbulletin» und als Kolumnist für den «Landboten». Er lebt in Winterthur, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Interview: Marc Leutenegger
Umsetzung: Gregory von Ballmoos

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