Aufruhr im ländlichen Paradies

«Wir brauchen keine Antenne in Ricketwil», finden Bewohner. Die Swisscom dagegen sagt, guter Empfang entspreche einem Kundenbedürfnis. Im Winterthurer Weiler prallen Welten aufeinander.

Bisher war Ricketwil antennenfrei. Jetzt hat die Swisscom eine Baubewilligung für eine Antenne an der Ricketwilerstrasse eingangs Dorf erhalten.

Fährt man nach Ricketwil, fühlt man sich fast versetzt in eine andere Zeit. Gänse queren die Strasse, viel mehr als ein Hoflädeli und ein Restaurant gibt es hier nicht. «Es ist ein kleines Paradies, seit ich hier lebe, sage ich jeweils: Ich wohne in den Ferien.» Ursula Zwahlen ist Psychotherapeutin und Mieterin in Ricketwil.

Doch nun sehen sie und weitere Dorfbewohner die Idylle in Gefahr. Eingangs Dorf an der Ricketwilerstrasse soll auf dem Dach der Firma Wieser Innenausbau AG eine Mobilfunkantenne der Swisscom aufgestellt werden. Eine solche gibt es in Ricketwil bisher nicht. Seit geraumer Zeit ist das Projekt ausgesteckt, am 29. Juni war das Bauvorhaben öffentlich ausgeschrieben und am 5. September wurde die Baubewilligung erteilt. Mehrere Nachbarn haben den Baurechtsentscheid bestellt und nun erhalten. Sie haben die Möglichkeit, Einsprache zu erheben.

Viele Gründe gegen Antenne

Anfang September sitzen um einen Tisch im einzigen Restaurant im Ort vier Ricketwiler, die sich gegen die geplante Antenne wehren wollen. Neben Ursula Zwahlen sind dies Ortsvereinspräsident Bruno Koblet, Christina Leemann, ebenfalls vom Ortsverein, sowie Andre Jacomet, Traumatherapeut, Coach und Mediator. Sie sind sich einig, eine Antenne wollen sie in Ricketwil nicht. Doch die Gründe, weshalb sie die Antenne ablehnen, sind unterschiedlich.

«Ich habe vor allem Bedenken wegen der zwei Grossbauern, die hier tätig sind», sagt Koblet. Er verweist auf zwei Fälle in der Region, die weitherum Schlagzeilen machten. Bauer Hans Sturzenegger aus Reutlingen etwa klagte über zahlreiche kranke oder tote Kälber, nachdem 1999 eine Antenne in der Nähe seines Hofs aufgestellt worden war. Auch Bauer Thomas Peter aus Elgg glaubt, dass die Häufung toter Kälber auf seinem Hof ab dem Winter 2013 einen Zusammenhang hat mit einer 2010 aufgestellten Handyantenne. Dies gebe zu denken. «Für Tiere sind die gesundheitlichen Risiken beträchtlich», sagt Koblet.

Ein Grund zum Wegzug

Ursula Zwahlen sieht nicht nur die Lebensqualität von Tieren in Gefahr, sondern auch jene von Menschen. «Es gibt unzählige Untersuchungen, die belegen, dass eine Antenne gesundheit­liche Auswirkungen haben kann. Und die neue Antenne wird direkt vor meinem Fenster stehen. Für mich bedeutet das eine Einbusse an Lebensqualität.» Kommt die Antenne definitiv, ist das für Zwahlen ein Grund zum Wegzug – im Alter von 75 Jahren, nach vier Jahrzehnten in Ricketwil.

Jacomet sagt, man anerkenne in Ricketwil die wissenschaftlichen Studien der Swisscom und des Bundes, welche Strahlung für unbedenklich ansähen. «Aber wir wollen auch kritische Studien, die ebenso wissenschaftlich ausgeführt wurden, gleichwertig danebenstellen.»

Christina Leemann war eine der Ersten im Dorf, die gegen die geplante Mobilfunkantenne aktiv wurden. Sie und ihr Mann, FDP-Gemeinderat Thomas Leemann, informierten die Bewohner mit einen Flugblatt über die Pläne der Swisscom und wiesen darauf hin, dass es sinnvoll sei, die Baugesuchsunterlagen anzufordern, um seine Rechte zu wahren. Zudem organisierte sie eine Infoveranstaltung mit Fachleuten der Swisscom.

«Was ist mit Ortsbildschutz?»

Leemann stört sich daran, dass in Ricketwil, mitten in der Weilerkernzone, eine meterhohe Antenne aufgestellt werden soll. «Wenn jemand im Dorf ein Bauprojekt realisieren will, sind die Schranken sehr eng. Es ist eigentlich nichts möglich und dabei wird stets mit dem Ortsbild argumentiert. Bei diesem Projekt scheint der Ortsbildschutz aber anders als bei Vorhaben von Privaten keine Rolle zu spielen. Das empfinde ich als willkürlich und nicht nachvollziehbar.»

Andre Jacomet ist es wichtig, dass die Gruppe, die sich nun gegen die Antenne wehrt, nicht als Ewiggestrige wahrgenommen wird. «Wir sind keine Technologieverhinderer. Aber wir halten den Standort mitten im Dorf einfach für falsch. Wieso stellt man die Antenne nicht irgendwo auf einen Hügel?»

Nutzen die vier denn selber kein Handy? «Doch. Aber der Empfang ist schon heute völlig ausreichend», sagt Jacomet. Die in Waltenstein und Oberseen platzierten Antennen sorgten für ausreichenden Empfang. «Zudem sind wir hier bestens mit Glasfaser abgedeckt, wer grosse Datenmengen braucht, ist nicht auf das Handynetz angewiesen. Für ein besseres Netz gibt es gar keine Nachfrage.»

Man frage sich sowieso, weshalb die Swisscom bereit sei, in eine Antenne für ein so kleines Dorf zu investieren. «Das rechnet sich ja nie.» Laut dem Beratungsunternehmen Ecosens kosten die Planung und der Bau einer Mobilfunkantenne in der Schweiz durchschnittlich 250'000 Franken, etwa für Mast und Antenne, aber auch für das Abschirmen des Daches gegen Strahlung und für den Unterhalt. Die Swisscom selbst macht zu den Kosten auf Anfrage keine Angaben.

Kein Groll gegen Landbesitzer

Der Inhaber der Firma Wieser Innenausbau, Markus Wieser, war nicht der einzige Landeigentümer, der von Mobilfunkanbietern kontaktiert wurde mit der Bitte, eine Antenne zu erstellen. Andere hätten abgelehnt. Trotzdem hegt die Gruppe gegenüber dem Inhaber, der selber nicht in Ricketwil wohnt, keinen Groll: «Es ist sein Land, er kann damit machen, was er will», sagt Leemann.

Empfang zu schlecht für Alarm

Wieser bestätigt, dass die Swisscom auf der Suche nach einem Antennenstandort auf ihn zugekommen sei. «Ich habe eingewilligt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich tatsächlich einen optimalen Standort bieten kann und damit dem Dorf etwas Gutes tue.» Dazu komme, dass er tatsächlich schlechten Mobilfunkempfang im Geschäft gehabt habe. «Die Feuermeldezentrale und die Heizungssteuerung laufen heute über Mobilfunk. Doch häufig habe ich in unseren Räumen keinen Empfang. Mit einer Antenne kann die Swisscom eine gute Abdeckung sicherstellen.» Sie habe zudem überzeugend dargelegt, dass es in Notfallsituationen wichtig sei, eine durchgehende Abdeckung zu bieten.

Dass es in Ricketwil so starken Widerstand gegen die Antenne gibt, hat Wieser überrascht. «Damit habe ich nicht gerechnet – und ich kann es auch nicht ganz nachvollziehen.» Würde er nochmals von der Swisscom angefragt, würde er wohl zuerst mit den Bauern im Dorf Rücksprache nehmen, sagt er. «Dass es anderswo Probleme mit Kälbern gab, wusste ich nicht.» Dass allerdings Einzelpersonen mit der Antenne nicht glücklich seien, lasse sich wohl nicht verhindern. «Bei 100 Personen finden sich immer einige, die gegen etwas Neues sind.»

Für die Antenne erhält Wieser von der Swisscom 6500 Franken im Jahr. «Es war also sicher nicht der finanzielle Anreiz, der mich zur Zusage bewogen hat. Vielmehr ist es mir ein Anliegen, etwas zu einer guten Abdeckung beizutragen, damit in Notfallsituationen reagiert werden kann.»

«Ideale Ergänzung»

Die Swisscom selbst sagt, die neue Antenne in Ricketwil ergänze das bestehende Mobilfunknetz optimal. «Gebietsweise braucht es eine verbesserte Kapazität», sagt Sprecherin Sabrina Hubacher. Grundsätzlich würden neue Antennen dort aufgestellt, wo ein Kundenbedürfnis bestehe. Hinzu komme, dass die Standorte in bewilligungsfähigen Gebieten stehen müssten und diese sich vorwiegend in Bauzonen befinden. Deshalb sei es schwierig, Standorte ausserhalb des Dorfes zu finden.

Die Bedenken von Anwohnern nehme man ernst. «Wir versuchen, Fragen zu beantworten, und klären auf, dass Mobilfunk sich an gesetzlichen Richtlinien orientiert, die in der Schweiz zehnmal strenger sind als in den meisten europäischen Nachbarländern.»

Einsprachen vonseiten der Anwohner gebe es bei fast allen Baugesuchen. «Es ist für uns eine grosse Herausforderung: Die Kunden wollen eine gute Mobilfunkverbindung, aber die dazugehörige Infrastruktur ist meist nicht gewünscht.»

Auf die Frage, ob es sich für die Swisscom finanziell lohne, Weiler wie Ricketwil abzudecken, sagt Hubacher nur, die Kunden wünschten überall guten Empfang und die Swisscom habe den Anspruch, das beste Netz anzubieten. «Das wird erwartet.»
Zumindest auf die vier Ricketwiler trifft diese Aussage nicht zu. «Wer in Ricketwil wohnt, tut dies, weil er eben die Ruhe und Abgeschiedenheit schätzt. Wir möchten diesen Lebensraum bewahren», sagt Jacomet.

Gruppe wird rekurrieren

Die Gruppe hat sich entschieden, gegen den nun vorliegenden Baurechtsentscheid zu rekurrieren. «Wir werden koordiniert vorgehen und haben auch einen Anwalt, der uns unterstützt», sagt Jacomet. Doch man sei sich bewusst, dass ein Baurechtsrekurs sehr teuer werden könne. «Die Kosten betragen bis zu 50'000 Franken und ein Erfolg ist keineswegs garantiert. Wir müssen uns also gut überlegen, wie weit wir gehen wollen», sagt Leemann. Vor allem, weil Rekurrenten oft kaum eine Handhabe hätten, wenn die Swisscom die Bedingungen einhalte.

Koblet sagt, wenn die Antenne komme, werde der Ortsverein auf jeden Fall Augen und Ohren offen halten. «Sollte sich zeigen, dass wir hier in Ricketwil ähnliche Auswirkungen spüren wie in Reutlingen und Elgg, würde die Bevölkerung sicher zusammenstehen und sich wehren.»


Andre Jacomet erklärt, wie ein Handymast klingt. Quelle: Youtube

«Ich dachte, ich tue dem Dorf etwas Gutes, wenn ich mein Land für die Antenne zur Verfügung stelle.»
Markus Wieser, Landbesitzer

Motivation und Wertvorstellung spielen eine Rolle

Wie gefährlich ist die Mobilfunkstrahlung für Mensch und Tier? Studien beantworten diese Frage nicht einheitlich.

Die Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation hat 15 Risikobeurteilungen miteinander verglichen. Dabei zeigte sich: Wissenschaftliche Organisationen sowie Behörden und die WHO vermitteln eher ein Bild, das wenig Anlass zur Sorge gibt. Anders die zivilgesellschaftlichen Organisationen. Aus ihrer Sicht liegt für viele Gesundheitsbereiche der Risikonachweis vor, insbesondere sehen sie Nachweise für krebsauslösende Faktoren, Neurodegeneration oder Einflüsse bei der Reproduktion. Die Forschungsstiftung kommt zum Schluss, dass Studien je nach Motivation und Wertvorstellung einer Organisation unterschiedlich interpretiert werden und so zu verschiedenen Risikobewertungen führen können.

Es gibt durchaus Studien, die aufhorchen lassen. Bekannt ist etwa der Fall des Reutlinger Bauern Hans Sturzenegger. Rund 50 Kälber kamen auf seinem Hof mit einer Augenkrankheit, dem grauen Star oder Abszessen zur Welt, nachdem eine Mobilfunkantenne in der Nähe aufgestellt worden war. Wesentlich mehr als im Durchschnitt. Sturzenegger kämpfte jahrelang gegen die Antenne — 2006 wurde sie schliesslich abgebrochen. Die Zahl der Vorfälle ging in der Folge stark zurück. Eine Feldstudie von Michael Hässig der Uni Zürich stützte Sturzeneggers Verdacht. Von 253 untersuchten Kälbern waren 79 geschädigt. Dabei zeigte sich, dass das Risiko, dass ein Kalb an grauem Star erkrankt, signifikant erhöht ist, wenn eine Handyantenne in der Nähe einer trächtigen Kuh steht. Der Studienautor hält aber fest, es handle sich um eine statistische Assoziation und nicht um eine gesicherte ursächliche Beziehung.

Eine Übersicht zu verschiedenen Studien zum Thema Mobilfunk findet sich im Internet.


Wo in der Region stehen überall Handyantennen? Das Geoportal des Bundes gibt Auskunft darüber.

Text: Mirjam Fonti, Bilder: Keystone, Fotalia, pd, Realisation: Martin Steinegger

© Tamedia