Die Wahl zwischen dem Stadtvater und der Strategin

Yvonne Beutler (SP) und Michael Künzle (CVP) waren sich beim Zusammentreffen auf der «Landbote»-Redaktion in vielen Punkten nicht einig. Foto: Marc Dahinden

Wie volksnah soll ein Stadtpräsident sein?

Am 15. April bestimmen die Wählerinnen und Wähler, wer künftig Winterthur regiert. Im ­«Landbote»-Streitgespräch mussten Herausforderin Yvonne Beutler (SP) und der bisherige Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) zu verschiedenen Themenblöcken Stellung nehmen. Sie sprachen über den Wahlkampf, den Anspruch auf das Präsidium, die Interpretation der Präsidentenrolle und die Bedeutung der Wirtschaft.

Foto: Marc Dahinden

Ein emotionaler Wahlkampf

Yvonne Beutler, erst wollten Sie nicht kandidieren, mit Verweis auf Ihren Sohn. Jetzt doch. Ist Ihre Familie plötzlich unwichtig geworden, jetzt, wo das Präsidium in Griffweite scheint?
Yvonne Beutler: Vielleicht müsste man die Frage auch einmal Michael Künzle stellen. Mike, hast du das Gefühl, du warst deinen vier Kindern während des Präsidiums ein schlechter Vater?

Künzle: Darum geht es jetzt nicht. Man hat dir die Frage gestellt. Und dies, weil du zuerst nicht antratest und das mit deiner Familie begründetest. Aber auf deine Frage: Ich habe eine super Familie hinter mir und eine Frau, die mir den ­Rücken stärkt – ich habe meine Kinder regelmässig sehen können, mehr wäre besser gewesen.

Yvonne Beutler, was ist denn nun Ihre Antwort?
Beutler: Wie Michael Künzle es sagt, man kann auch als Stadtpräsident ein guter Vater sein, oder als -präsidentin eine gute Mutter. Wir haben in der Familie lange und intensiv diskutiert, und wir kamen miteinander zum Schluss: Doch, wir packen das. Abgesehen davon: Für mich wäre es viel ­bequemer gewesen, mich einfach auf den Lorbeeren auszuruhen. Ich war in einer Situation, wo ich eigentlich nur das Falsche machen konnte, und habe mich fürs Richtige entschieden. Und das ist: hinzustehen, die Verantwortung zu übernehmen und den Winterthurerinnen und Winterthurern eine echte Wahl zu ermöglichen. Und zwar im Wissen darum, dass ich diese auch verlieren kann. Ein weiterer Grund war für mich das Executive-MBA-Studium, das ich an der Hochschule St. Gallen absolviere. Das gab mir im vergangenen Jahr viel Inspiration, was man in dieser Stadt bewegen könnte. Das Führungsverständnis ist heute nicht mehr das gleiche, wie man es vor 30 Jahren im Militär gelernt hat.

Der Vorwurf bleibt im Raum, dass Sie erst kandidierten, als Sie Ihr Glanzresultat sahen.
Beutler: Für mich war nicht mein persönliches Wahlresultat entscheidend, sondern dass Rot-Grün die Stadtratsmehrheit zurückerobert hat. Wäre es bei einer bürgerlichen Regierungsmehrheit geblieben, wäre ich nicht ­angetreten. So war aber für die SP klar, dass sie im zweiten Wahlgang dabei sein würde. Erst beim Entscheid, mit welchem der drei SP-Stadtratsmitglieder wir ins Rennen steigen würden, spielte das Wahlresultat eine Rolle.

Künzle: Die SP stellt den totalen Machtanspruch, und den wollen wir mit meiner Kandidatur verhindern.

Beutler: Ich bin irritiert, dass Michael Künzle das Stadtpräsidium hauptsächlich als Machtposition sieht. Für mich bedeutet das Stadtpräsidium viel mehr. Nämlich die Verantwortung und rie­sige Chance, die Entwicklung unserer Stadt mitzugestalten.

Michael Künzle, das Forum ­Winterthur, das Ihre Kandidatur stützt, bezeichnet Yvonne ­Beutler auf Facebook als «Fahne im Wind» oder sogar «feige» – wussten Sie das?
Künzle: Das habe ich mitbekommen, es gab ja einen richtigen Shitstorm nach der Ankündigung, dass Yvonne Beutler antritt. Es ist halt irritierend, wenn eine Person sagt, sie trete nicht an, und es dann doch tut.

Aber hätten Sie das auch so formuliert?
Künzle: Nein, ich bin nicht bekannt für solche giftigen Worte.

Beutler: Mein Credo in diesem Wahlkampf lautet, dass wir nicht gegen Michael Künzle als Person antreten, sondern dafür, dass eine Wahl ermöglicht wird. Was die bürgerlichen Verbände schreiben, müssen diese selbst wissen, aber mir ist viel an einem anständigen Wahlkampf gelegen. Auf Facebook interveniere ich wo möglich, wenn sich jemand abschätzig über den amtierenden Präsidenten äussert.

Michael Künzle, Sie nannten als Grund für Ihr enttäuschendes Resultat im ersten Wahlgang unter anderem die heftige Kritik der SP. War sie ungerechtfertigt?
Künzle: Das Resultat war für mich tatsächlich enttäuschend. Aber die Enttäuschung hat sich in Energie und Motivation um­geschlagen. Aus meiner Sicht hat die SP bei ihren Anschuldigungen teils gelogen und Sachverhalte falsch dargestellt.

Was sprechen Sie konkret an?
Künzle: Es hiess etwa, ich hätte das Theater abreissen wollen. Das ist einfach nicht wahr. Uns lag damals eine Variante zur ­Sanierung vor mit einem sehr ­hohen Betrag. Da darf man sich doch überlegen, ob ein Abriss auch ein Thema ist. Die Idee kam aus der Wirtschaft, und wir haben im Stadtrat entschieden, ­diese Idee vorzuprüfen.

Beutler: Der Vorwurf, die SP habe gelogen, ist sehr heftig. Die SP hat heikle Punkte der bisherigen Mehrheit aufgegriffen. Das war ihre Pflicht und absolut berechtigt. Beim Theater war es so, dass die Wirtschaft Druck machte für ein Kongresszentrum und der Stadtrat fand, er wolle diesen Weg samt Abbruch beschreiten. Bis der Kanton sagte, das Theater bleibe stehen.

Künzle: Wir sagten nie, dass wir das Theater abreissen wollen. Wir nahmen lediglich die Idee auf und wiesen sie nicht sofort zurück. Wir sind der Meinung, dass es keine Denkverbote geben darf.

Michael Künzle, haben Sie sich bislang zu wenig verteidigt?
Künzle: Ja, rückblickend haben wir zu vieles stehen gelassen, das war mit ausschlaggebend.

Hatten die Bürgerlichen ­ihrerseits den Linken wenig vorzuwerfen?
Künzle: Wir haben einen hoch­anständigen Wahlkampf geführt. Wir waren aber wohl zu nett.

Beutler: Seien wir ehrlich, es gab gar keine grosse Angriffsfläche. Häufig waren es sogar die Mitte-links-Parteien, die den Stadtrat stützten, und nicht die bürger­liche Gemeinderatsmehrheit.

Künzle: Man könnte in der Analyse noch weitergehen. Im bürgerlichen Lager wollten viele den Zustand heute erhalten und schrieben alle Bisherigen auf den Wahlzettel, die Linken taten dies nicht.


Wie schwierig ist es für Sie als Stadtratskollegen, nun gegeneinander anzutreten?
Künzle: Es ist schwierig. Wir unterstehen dem Kollegialitätsprinzip. Wir haben bisher gut ­zusammengearbeitet und wollen das auch künftig tun.

Trotzdem, Yvonne Beutler, was lief in Ihren Augen nicht gut in der letzten Legislatur?
Beutler: Ich warnte vor Verschiedenem, was den Bürgerlichen nun im Wahlkampf um die Ohren flog. Aber ich werde das Kollegialitätsprinzip wahren und sicher keine Liste aufzählen.

Künzle: Du hast vieles unterstützt, der Stadtrat war nicht derart zerstritten, viele Entscheide haben wir bewusst als Kollegium gefällt.

ZUR PERSON:
Michael Künzle (CVP) ist 53 Jahre alt. Seit 2005 sitzt er im Winterthurer Stadtrat, wo er zunächst sieben Jahre lang dem Sicherheits­departement vorstand.
Seit 2012 ist er Stadtpräsident. Michael Künzle hat in Zürich Jus studiert und arbeitete vor seiner Wahl in den Stadtrat als Staatsanwalt in Winterthur. Er ist verheiratet, wohnt in Oberwinterthur und hat vier Kinder.
Künzle gilt als ausgeprägter Vereinsmensch. Auf seiner Website listet er nicht weniger als 37 Vereine auf, in denen er Mitglied oder Gönner ist. Als Stadtpräsident steht er dem Kulturdepartement vor und ist daher in ­diversen Vorständen und Stiftungsräten kultureller Einrichtungen vertreten, vom Musikkollegium über die Stiftung ­Oskar Reinhart bis zum Technorama.
In früheren Stadtratswahlen konnte Künzle oft Glanzresultate verzeichnen. Am 4. März hingegen schaffte er es mit knapp 16 000 Stimmen nur auf Platz fünf, fast 4000 Stimmen hinter der bestgewählten Yvonne Beutler (SP). Bei der Präsidiumswahl lag er mit 12 226 Stimmen zwar klar vor der zweitplatzierten Christa Meier (SP, 7793 Stimmen), verpasste aber das absolute Mehr, weshalb ein zweiter Wahlgang nötig wurde. Für Künzle ein Novum – vor vier ­Jahren war er ohne Konkurrenz angetreten, 2002 gewann er mit über 6000 Stimmen Vorsprung. Die Gegnerin damals war die gleiche wie jetzt: Yvonne Beutler (SP).

Foto: Marc Dahinden

Bedeutung einer Hausmacht

Die SP geht mit ihrer Kandidatur aufs Ganze. Sie ist wähler­stärkste Partei, hat die Mehrheit im Stadtrat, und jetzt will sie auch noch das Präsidium. Weshalb dieser Machthunger?
Beutler: Die Bürgerlichen störte es in der vergangenen Legislatur auch nicht, dass sie die Mehrheit und das Präsidium hatte. Beim Präsidium geht es für mich nicht um Macht. Aber um erfolgreich zu sein, braucht es für Sach­geschäfte Mehrheiten im Parlament. Es ist schwierig für die Arbeit des Stadtrates, wenn der Stadtpräsident ein König ohne Reich ist. Die CVP hat nicht einmal mehr Fraktionsstärke.

Künzle: Es gibt keine Könige in einer Demokratie, das wäre mir auch zuwider. Die CVP-Vertreter im Gemeinderat müssen als Mitglieder einer kleinen Partei einiges mehr leisten als beispielsweise jene der SP. Und doch verschaffen sie sich immer wieder Gehör.

Beutler: Der Punkt ist, dass Dir die CVP immer wieder in den Rücken fällt. Dem Stadtrat war eine Spezialkommission für die Vor­lage zur Sanierung der Pensionskasse wichtig, ein Geschäft, das Du vertrittst. Doch wer stimmt dagegen? Die CVP. Für die Stadt ist ein Soziallastenausgleich essen­ziell. Wir brachten eine Behör­deninitiative zustande, die alle Parteien unterstützten, aus­ser die CVP. Wenn ein Stadtprä­sident nicht einmal die eigenen Parlamentsmitglieder überzeugen kann, erschwert das die Arbeit des Stadtrates ungemein.

Künzle: Parlamentarier haben einen anderen Hut auf als Exe­kutivmitglieder. Die CVP-Fraktion stand in wichtigen Fragen hinter mir. Ab und zu brauchte es bei gewissen Sachgeschäften auch eine fraktionsinterne Mehrheit. Auch in einer kleinen Fraktion kann es Diskussionen geben.

Yvonne Beutler, ist es denn zwingend, dass die Mehrheit auch das Präsidium stellt?
Beutler: Es ist nicht zwingend, aber es macht Sinn, gerade wenn sich die Mehrheit während der Präsidialzeit ändert. Michael Künzle propagierte zum Beispiel die bürgerliche Wohnbaupolitik im Luxussegment. Es ist klar, dass dies nicht der Schwerpunkt der rot-grünen Mehrheit sein wird. Das heisst, er müsste hinstehen und eine um 180 Grad andere Mehrheit vertreten als bisher. Das ist nicht im Sinne der Stadt.

Künzle: Wieder eine Falschaus­sage zur Wohnpolitik. Der Stadtrat will eine durchmischte Bevölkerung. Wir machen mit unserer bisherigen Wohnpolitik weiter. Diese beinhaltet beispielsweise auch die Zusammenarbeit mit den Wohnbaugenossenschaften – die heute dank mir wesentlich besser ist als früher – oder die Integration von Leuten in den Notwohnungen in den ordentlichen Wohnungsmarkt. Die Idee, Wohnungen für das Segment der höheren Einkommen zu fördern, war nur ein Punkt im Ganzen und dieser war nicht einmal neu. Doch die Medien machten daraus «Die Stadt der Reichen». Wir müssen wohl einräumen, dass dies unsererseits kommunikativ keine Meisterleistung, war. Aber Tatsache ist, dass wir eine ausgewogene Wohnungspolitik haben.

Könnten Sie denn grundsätzlich etwas vertreten, hinter dem Sie nicht stehen können?
Künzle: Ich war schon in den Jahren 2012 bis 2014 Stadtpräsident mit einer links-grünen Mehrheit im Stadtrat. Wir hatten eine gute Tonalität im Stadtrat. Das ging damals auch.

Beutler: Die Situation ist heute aber eine andere als in der Übergangszeit mit linker Mehrheit von Oktober 2012 bis Anfang 2014. Du hast in den letzten vier Jahren Legis­laturschwerpunkte vertreten, die unter der bürgerlichen Regierung definiert wurden. Jetzt müsstest Du Standpunkte vertreten, die den Schwerpunkten zuwiderlaufen können. Es ist schwierig, dies glaubwürdig zu tun.

ZUR PERSON
Yvonne Beutler (SP) ist 44 Jahre alt und seit 2012 im Winterthurer Stadtrat. Dort betreut sie das Finanzdepartement und ist Vize­präsidentin. Wie Michael Künzle hat sie Jus studiert. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst beim Schweizer Fernsehen, ab 2003 als Friedensrichterin. Yvonne Beutler ist verheiratet, wohnt am Brühlberg und hat einen elfjährigen Sohn. Als Finanz­vorsteherin war sie unter anderem mit der Umsetzung der zwei grossen Sparpakete Effort 14+ und Balance beschäftigt. Zuletzt schloss die Stadt Winterthur ihre Rechnung 2017 mit einem Plus von 56 Millionen Franken ab, was allerdings auch Einmaleffekten geschuldet ist.
Beutler politisiert am rechten Rand der SP und setzte sich in öffentlichen Auftritten mit den Ständeräten Daniel Jositsch und Pascale Bruderer für den «sozialliberalen Flügel» der SP ein. Nationale Beachtung fand sie auch, als sie sich 2017 gegen die Unternehmenssteuerreform III einsetzte – während Michael Künzle sie befürwortete. Beutler hatte eine Kandidatur ums Stadtpräsidium zunächst ausgeschlagen. Nachdem die SP am 4. März mit Christa Meier überraschend einen dritten Sitz holte, beschloss die Partei, mit Beutler in den zweiten Wahlgang zu ziehen. Sie hatte von ­allen Stadträten das beste Wahlresultat gemacht: fast 20 000 Stimmen. 2012 stand sie Künzle bereits einmal in einer Präsidiumswahl gegenüber, unterlag aber deutlich.

«Das heutige Führungsverständnis ist nicht mehr ­ das gleiche, wie man es vor 30 Jahren im Militär gelernt hat.»
Yvonne Beutler, Stadträtin (SP)

Foto: Marc Dahinden

Händeschütteln und Planen

Michael Künzle, wie wichtig ist das Stadtpräsidium wirklich?
Künzle: Es gibt mehrere Aspekte. Der Stadtpräsident hat nach aussen hin eine ganz wichtige Rolle. Ich bin zum Beispiel Präsident der Metropolitankonferenz, bin im Vorstand des Schweizerischen Städteverbands, bin im Lenkungsausschuss des Gemeindepräsidentenverbands des Kantons Zürich und so weiter. Und überall vertrete ich die Interessen der Stadt. Nach innen ist es wichtig, dass der Präsident bei umstrittenen stadträtlichen Projekten Kritiker an den Tisch holt, um nach Lösungen zu suchen. Ebenso wichtig ist, dass sich der Stadtpräsident unter die Bevölkerung mischt, zuhört und an Veranstaltungen spricht – als das offizielle Winterthur.

Das haben Sie intensiv getan.
Künzle: Ja, denn es braucht eine Nähe zwischen dem Stadtpräsidenten und der Bevölkerung, man muss zuhören und die Anliegen in die Verwaltung tragen. Das habe ich gelebt. Was mir weiter wichtig ist, ist, Gäste willkommen zu heissen, ob Delegierte, Verbandsmitglieder, Tagungsteilnehmer, Regierungsräte oder Bundesrätinnen. Ich pflege eine intensive Willkommenskultur.

Yvonne Beutler, Sie schliessen demnächst ein MBA-Studium ab und schwärmen von Organisationsentwicklung und Führungsmodellen, aber in Realität bedeutet das Präsidium vor allem Händeschütteln.
Beutler: Das Stadtpräsidium hat für mich drei wichtige Funktionen: Die Präsidentin gibt der Stadt mit ihrer Persönlichkeit ein Gesicht nach aussen. Nun hat die Bevölkerung eine echte Auswahl. Auf der einen Seite einen konservativen Stadtvater, auf der anderen Seite eine fortschrittliche Frau.

Künzle: (schüttelt den Kopf) Ich muss nicht extra betonen, dass ich hier nicht einverstanden bin . . .

Beutler: Ich vertrete die Haltung, dass unsere wirtschaftliche Zukunft bei den neuen Techno­logien liegt, insbesondere bei den Start-ups. Diese wollen an einen Ort, wo Aufbruchstimmung herrscht. Es braucht wieder ein neues Lebensgefühl in unserer Stadt. Diese Stimmung wird auch durch die Person der Stadtpräsidentin verkörpert. Eine zweite wichtige Funktion ist eine interne. Hier braucht es ein modernes Führungsverständnis, denn so, wie der Stadtrat selber funktioniert, prägt er die Verwaltung. Und drittens braucht es eine starke strategische Führung der Stadt, die ebenfalls Zeit benötigt.

Sie wären als Präsidentin ­weniger im Volk präsent?
Beutler: Es gibt in jedem Beruf Sachen, die man gerne macht, und andere, die man lieber macht. Ich bin bereits heute viel für den Stadtrat unterwegs und mache das gern. Aber für mich ist ein Stadtpräsidium keine One-Man-Show. Wir sind im Stadtrat zu siebt, das darf nach aussen sichtbar sein. Die strategische Hintergrundarbeit ist für die Stadtentwicklung unabdingbar und darf nicht zu kurz kommen, weil man von Anlass zu Anlass hetzt.

Michael Künzle, Sie sind also überall präsent, haben aber ­keine Zeit für Strategie?
Künzle: Das stimmt nicht. Ich interpretiere die Rolle des Stadtpräsidenten wie mein Vorgänger: Er ist omnipräsent und hat sehr viele Termine. Wir brauchen kein neues «Lebensgefühl», die Lebensqualität ist hoch, dafür wurden wir ausgezeichnet. Umfragen haben gezeigt, dass die Leute stolz auf die Stadt und die Firmen gerne hier sind. Yvonne Beutler weiss, dass ich für neue Technologien einstehe und mich für Smart City starkmache. Absolut fortschrittlich! Was Strategie betrifft, ist zu sagen, dass wir unter meiner Führung die erste Stadtregierung in Winterthur waren, die eine 12-Jahres-Strategie auf­gestellt hat. Wir schauen weit vor­aus. Das gab es vorher nicht.

«Bei der SP stehen Unternehmen immer unter Generalverdacht. Das ist eine gefährliche Grundhaltung.»
Michael Künzle, Stadtpräsident (CVP)

Foto: Marc Dahinden

Wirtschaft als Gretchenfrage

Kaum war die Wahl vorbei, ­äusserte die Wirtschaft Befürchtungen, die linke Regierung werde die Steuern erhöhen und die ­Bedingungen für Unternehmen verschlechtern. Yvonne Beutler, was sagen Sie dazu?
Beutler: Diese Befürchtungen kann ich nicht nachvollziehen, und mein Leistungsausweis als Finanzvorsteherin spricht auch dagegen. Winterthur ist unter rot-grüner Mehrheit aufgeblüht, und wenn man Zürich oder an­dere rot-grüne Städte anschaut, zeigt sich ebenfalls ein erfolg­reiches Bild. Ich habe ein sozial­liberales Profil, und für mich ist selbstverständlich, dass wir weiterhin gesunde Stadtfinanzen haben und gute Beziehung zu den Unternehmen pflegen müssen.

Michael Künzle, teilen Sie die Befürchtungen der Wirtschaft?
Künzle: Wenn ich an unsere Diskussionen im Stadtrat denke, muss ich sagen, Ja, dieses Risiko besteht. Der Vergleich mit der rot-grünen Regierung in Zürich überzeugt zudem nicht. Zürich hat Erfolg, weil es der Wirtschaft gut geht und weil viele Leute mit hohen Einkommen dort wohnen. Diese Ausgangslage haben wir nicht. Und trotzdem haben wir eine hohe Lebensqualität, unter anderem, weil wir Kulturstadt sind, aber auch, weil wir eben die Kontakte zur Wirtschaft immer gepflegt haben.

Yvonne Beutler, Kontakte sind wichtig, aber zu nah an der Wirtschaft will man auch nicht sein. Wo liegt denn der goldene Mittelweg?
Beutler: Heikel ist es dann, wenn man keine kritische Distanz mehr hat. Das kann der Fall sein, wenn man sich den Wahlkampf mit hohen Summen sponsern lässt. Daraus resultieren Ab­hängigkeiten. Ein Stadtpräsident sollte aber die Interessen der ganzen Bevölkerung berücksichtigen, nicht nur diejenigen der Unternehmen. Ich möchte als Beispiel die Unternehmenssteuerreform 3 (USR III) nehmen. Der Stadtrat äusserte sich immer ablehnend gegenüber der Vorlage. Erst als der Druck der Wirtschaft gross wurde, stand der Stadtpräsident auf und plädierte für die Vorlage.

Künzle: Stimmt nicht. Bei dieser Abstimmung gab es keinen ­Sieger. Es braucht eine Lösung bezüglich Unternehmenssteuer, und daran wird immer noch gearbeitet. Es ist wichtig, dass wir die Unternehmen in unserem Land, in unserer Stadt, halten können. Aber zugegeben: Wir gaben damals im Abstimmungskampf keine Glanzleistung ab. Du hast mit einem Sololauf und dem Engagement gegen die Vorlage das Kollegialitätsprinzip massiv belastet.

Beutler: Das ist schlicht nicht korrekt. In den ganzen Monaten vor der Abstimmung, bei Vernehmlassungen und internen Anlässen, liess man mich die ablehnende Haltung des Stadtrats vertreten. Kur vor Schluss kriegte man kalte Füsse und sagte, ich hätte das Kollegialitätsprinzip verletzt. Diesen Vorwurf lasse ich nicht mehr länger auf mir sitzen. Man liess mich im Regen stehen.

Künzle: Du hast unsere interne Regel verletzt. Der Stadtrat gab kein Einverständnis, dass du dich in diesem Komitee engagieren darfst.

Zurück zur Wirtschaft. Befürchten Sie, dass eine linke Mehrheit unter der Führung von Yvonne Beutler die Unternehmen ­vergraulen würde?
Künzle: Ich finde die Haltung der SP und von Yvonne Beutler heikel. Unternehmen stehen bei ihnen immer unter Generalverdacht. Man wirft den Unternehmern vor, nicht redlich zu ar­beiten. Das ist eine gefährliche Grundhaltung. Man muss sich bewusst sein, was die Wirtschaft leistet. Wir könnten keine Kultur-, Sport-, Garten-, Bildungs- und soziale Stadt sein, wenn wir nicht erfolgreiche Unternehmungen hätten.

Beutler: Wo habe ich mich so ­verhalten?

Künzle: Gerade eben, indem du mir zu viel Nähe zur Wirtschaft vorwirfst. Es braucht Wirtschaft in der Stadt, und man muss mit ihr zusammenarbeiten.

Beutler: Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Es ist für mich selbstverständlich, dass ich eine gute Zusammenarbeit mit den Unternehmen haben werde. Ich sehe keinen Grund, weshalb du für dich in Anspruch nimmst, dass nur du offen auf Unternehmen zugehen kannst. Ich habe keinerlei Berührungsängste.


Schauen wir noch nach vorn. Michael Künzle, wenn es für Sie schlecht läuft, wären sie der erste Stadtpräsident der Winterthurer Geschichte, der die Wiederwahl nicht schafft. Sind Sie auf dieses Szenario vorbereitet?
Künzle: Ich bin als Stadtrat wiedergewählt worden und werde dieses Amt auf jeden Fall ausüben. Ich bin genügend Demokrat, dass ich einen solchen Volksentscheid akzeptieren würde. Aber jetzt hoffe ich natürlich, dass ich Stadtpräsident bleiben darf. Ich glaube, ich habe gute Karten. Es würde mich freuen.

Welches Departement würden Sie im Falle einer Nichtwahl übernehmen?
Künzle: Für diese Überlegungen ist es jetzt noch zu früh.

Sie sind seit bald sechs Jahren im Amt. Wie wichtig ist der Faktor Erfahrung?
Künzle: Erfahrung ist immer ein Vorteil in einem Amt.

Yvonne Beutler, Sie könnten die erste Stadtpräsidentin ­werden. Wie wichtig ist diese Geschlechterfrage heute noch?
Beutler: Mir persönlich wäre es eine Ehre, die erste Stadtprä­sidentin zu sein. Aber mein Ziel bleibt wie bis anhin als Finanzvorsteherin, mit meiner Leistung zu überzeugen.

Was würde sich ändern, wenn Sie Stadtpräsidentin würden, Yvonne Beutler?
Beutler: Ich stehe ein für ein fortschrittliches, ökologisches, soziales und urbanes Winterthur. Ich will diesem Winterthur ein frisches Gesicht geben und unserer Stadt wieder mehr Schwung verleihen.

Und warum braucht es ­nochmals Sie, Michael Künzle?
Künzle: Ich möchte eine moderne, innovative, selbstbewusste Stadt mit hoher Lebensqualität. Ich bin der Meinung, es braucht einen engagierten, ehrlichen Stadtpräsidenten mit totalem Engagement für diese Stadt. Das habe ich bisher geboten und würde das gerne weitermachen.

Gesprächsleitung: Mirjam Fonti und Michael Graf, Produktion: Fabian Röthlisberger

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