Wie Winterthurer den zweiten Weltkrieg in den philippinischen Bergen überlebten

Ernst Peter posiert mit einer der beiden Lokomotiven, die er ins thailändische Bangkok transportierte und vor Ort wartete. Bild: Ruth Reich

Die Familie Peter aus Winterthur harrte während des Zweiten Weltkriegs in den philippinischen Bergen aus. Sie erhoffte sich dort Schutz vor den japanischen Soldaten und kämpfte täglich um ihr Überleben, weil Nahrung und Medikamente fehlten. Die Tochter, heute 87-jährig und in Wiesendangen wohnhaft, erzählt.

Granaten heulen durch die Luft. Die zehnjährige Ruth Peter isst mit ihren Eltern gerade zu Mittag als das Haus in San Carlos bebt. Die philippinische Küstenstadt wird von japanischen Zerstörern attackiert. Das Jahr 1942, es beginnt so schlecht wie 1941 geendet hatte. Erst am 7. Dezember war der US-Marinestützpunkt Pearl Harbour attackiert worden, zehn Stunden später bombardierten die Japaner das Clark Airfield in der Nähe der Hauptstadt Manila, die philippinische Luftwaffe wurde vernichtet. Der Weltkrieg, vor dem die Winterthurer Familie Peter eigentlich geflüchtet war, hatte sie eingeholt.

Mit der Lok von Winterthur bis nach Bangkok

Die heute 87-jährige Ruth Reich — seit ihrer Heirat vor 61 Jahren heisst sie nicht mehr Peter — sitzt an ihrem Esstisch in Wiesendangen. Um den Hals trägt sie eine goldene Kette mit einem chinesischen Schriftzeichen, das für «langes Leben» steht. Sie strahlt eine scharfsinnige Aufmerksamkeit aus, wenn sie von damals erzählt. Mit Fotos und Gegenständen ergänzt sie ihre lebendigen Erinnerungen. Ihr gleichaltriger Ehemann Arthur Reich sitzt neben ihr und hört aufmerksam zu. In ihrer gemeinsamen Wohnung hängen mehrere selbstgemachte Kupfer- und Mosaikbilder mit filigranen asiatischen Sujets. Sie erinnern das Ehepaar an die gemeinsamen Jahrzehnte im Fernen Osten.

Auf dem Tisch in Wiesendangen stapeln sich die Tagebücher ihres Vaters. Darin liegt in fein säuberlicher Schrift eine Geschichte verborgen. Eine Geschichte voller Abenteuer und Ungewissheit, aber auch die Geschichte einer starken Frau, die ihre Eltern am Ende quasi alleine durchbringen musste.

Das Abenteuer Asien beginnt bereits vor Ruths Geburt: Ihr Vater Ernst Peter begleitet im März 1928 die ersten zwei Diesel-Lokomotiven von Winterthur nach Bangkok. Die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) hatte diese an das damalige Königreich Siam verkauft.

Drei Monate dauert diese Reise mit dem Schiff. Dort muss Ernst die Maschinen in Betrieb setzen, betreuen und die thailändische Belegschaft einarbeiten. «Dazu musste er die Thai-Sprache in Wort und Schrift beherrschen, ein ganz schweres Unterfangen», sagt Ruth Reich.


Ernst Peter (links) posiert mit Tropenhelm und in thailändischer Uniform. Die fünfjährige Ruth Peter mit ihrer Mutter Margaritha. Bilder: Ruth Reich

Ein halbes Jahr später folgt Ruths Mutter Margaritha ihrem zukünftigem Ehemann, 1931 kommt Tochter Ruth in Bangkok zur Welt. Ihr Vater wurde in der Zwischenzeit, mit dem Einverständnis der SLM, beim damaligen Königreich Siam angestellt.

Fotos zeigen ihn in weisser Uniform mit Tropenhelm. An offiziellen Anlässen, an denen auch die Königsfamilie teilnimmt, ist dies Vorschrift.

Von Bangkok in die Philippinen

Als der zweite Weltkrieg ausbricht, bietet die Thai-Regierung ausländischen Angestellten keinen Vertrag mehr an. Trotzdem wird der Winterthurer gebeten, weiterzuarbeiten. Er schlägt das aus. «Zurück in die Schweiz, ins kriegerische Europa, wollten wir aber auch nicht», sagt Ruth Reich.

Zur gleichen Zeit lebt ein Bruder von Ernst Peter in der philippinischen Hauptstadt Manila. Dieser ist dort leitender Angestellter einer Schweizer Handelsfirma. «Er überzeugte meinen Vater, dass es in Manila wahrscheinlich sicherer sein würde als in Europa.»

Die junge Familie reist in die Philippinen, die damals unter amerikanischem Protektorat stehen. Um sich überhaupt für eine Stelle als Ingenieur bewerben zu können, muss Ernst Peter zuerst einen Kurs absolvieren. Die Prüfung auf Englisch zum «Mechanical Plant Engineer» besteht er erfolgreich. Kurz darauf erhält er eine Stelle als technischer Leiter einer grossen Zuckerrohrplantage und deren Fabrik auf San Carlos, im südlichen Teil des Landes.

«Wir sassen auf der Insel fest, es gab kein Entkommen mehr.»
Ruth Reich

Quelle: Ruth Reich, Karte: Google My Maps/Fabian Röthlisberger

Den neuen Job beginnt er im März 1940. «Er fand ein gutes Team vor und hatte viel Freude an der neuen Aufgabe. Auch meine Mutter und ich fanden uns im neuen Umfeld schnell zurecht.»

Doch das Idyll endet abrupt, als die Japaner eineinhalb Jahre später den Amerikanern den Krieg erklären. Kurz darauf, anfangs 1942, fliegen den Peters japanische Granaten um die Ohren. «Die Japaner hatten extra zu hoch gezielt, um uns einen Schrecken einzujagen.» Die Lage ist trotzdem brenzlig. «Wir sassen auf der Insel fest, es gab kein Entkommen mehr.» Die Fähren zwischen den Inseln, sie fahren längst nicht mehr.

Die leitenden Angestellten werden nach weiteren Angriffen angewiesen, mit ihren Familien in eine kleine Siedlung in den Bergen zu ziehen. Einen achtstündigen Fussmarsch auf einem schmalen Trampelpfad von der Fabrik entfernt. Ein amerikanischer Mitarbeiter, der mit einer Philippina verheiratet ist, besitzt in den Bergen ein wenig Land. Seine Kollegen dürfen dort Hütten bauen.

Wasserträgerin und Dolmetscherin

Ruths Eltern glauben nicht an ein schnelles Ende des Kriegs. Mutter Margaritha packt als gelernte Schneiderin ihre Tret-Nähmaschine der Marke Pfaff ein, und sichert sich einige Ballen Stoff, sowie genügend Nähzeug aus dem Fabrikladen. «Das erwies sich später als überlebenswichtig», sagt Ruth Reich. In den Bergen können die Winterthurer so das eine oder andere Kleid gegen Lebensmittel der Bergbewohner tauschen.

Ihr Vater, der versierte Ingenieur, packt etwas vom Nützlichsten ein: die Werkzeugkiste. Zudem nimmt er Samen für den Gemüseanbau mit, sowie Säcke voll Zucker und Salz, ein Fass Petroleum und Öl für die Lampen. Auf drei Matratzen, die sie transportieren, schlafen sie. «Wichtig waren auch Moskitonetze, Seife und Verbandsmaterial.»

Für den Umzug stehen einheimische Träger zur Verfügung. Auf «ihrem» Land angekommen, bauen Peters eine 25 Quadratmeter grosse Hütte aus Bambus, geflochtenen Kokosblättern und Cogongras. Es sollte für die nächsten dreieinhalb Jahre ihr Zuhause sein. Strom oder fliessendes Wasser gibt es keines, die nächste Quelle ist weit entfernt.






Bild: Ruth Reich

Zwischen zwei schweren Steinen mahlen die Einheimischen den Mais, um diesen weiterverarbeiten zu können.

Bild: Ruth Reich

Zusammen mit den anderen Kindern im kleinen Dorf ist Ruth für die Wasserversorgung zuständig. Sie transportiert auf ihrem Kopf täglich einen 15-Liter-Kanister von der Quelle zu ihrer Hütte, wo sie das Wasser abkocht, um die Bakterien darin zu töten.

Das Feuerholz trägt sie ebenfalls in der Umgebung zusammen. Dazu arbeitet sie auf den Feldern der Maisbauern. «Als Lohn erhielt ich jeweils einen Fünftel der von mir geernteten Maiskolben.» Dieser weisse Mais dient als Hauptnahrungsmittel.

Zwischen zwei schweren Steinen wird er gemahlen. Ruth erledigt diese anstrengende Aufgabe bei den Nachbarn. «Dank dem Mais gab es meistens genügend zu essen. Ausser zweimal, als eine Heuschreckenplage die Ernte vernichtete.»

Wie auch schon in Thailand lernt Ruth die lokale Sprache rasch. Auch, weil sie ihre täglichen Aufgaben zusammen mit den anderen Kindern erledigt. So avanciert sie zur Dolmetscherin der Familie, da sie als einzige die südliche Landessprache Visayan beherrscht.

In der Zwischenzeit haben die Japaner die ganze Küste von San Carlos besetzt und die Zuckermühle der Zuckerrohrplantage zum militärischen Hauptquartier umfunktioniert. Die fremden Weissen in den Bergen sind ihnen aber nicht verborgen geblieben.

Ruth Reich sitzt am Tisch in Wiesendangen und sagt mit leiser Stimme: «Ja, dann sind die Japaner mal zu uns hoch gekommen. Das war keine so schöne Zeit.»

Auch ihr Vater muss sich ins Hauptquartier begeben, um sich registrieren zu lassen. «Den einen sagten sie dort, sie sollen ihre Koffer packen — Konzentrationslager.» Betroffen sind Kollegen aus Amerika, Australien, England: die Feinde Japans. Ruth und ihre Mutter wissen nicht, ob es auch Vater Ernst oder gar sie treffen würde. Eine Zeit des Bangens und Hoffens, die Ungewissheit nagt an ihnen. «Irgendwann, nach rund drei Tagen, tauchte er wieder auf.» Die Japaner respektierten den Schweizer Pass.

Exekutionen und Hakenwürmer

Danach lassen die Japaner die Winterthurer Familie grösstenteils in Ruhe. In den Bergen formieren sich aber Einheiten von sogenannten Widerstandskämpfern gegen die japanischen Besatzer. «Die wollten angeblich die lokale Bevölkerung befreien und die Helden spielen, aber das war völlig illusorisch», sagt Ruth Reich.

Laut ihr liefern die «gutmeinenden und falsch informierten» Amerikaner mit einem U-Boot Waffen für die Guerillas auf der Insel. «Der grösste Blödsinn», sagt Ruth Reich heute. Denn mit den erhaltenen Waffen terrorisieren die Guerillas nur die eigene Bevölkerung. Auf die Sticheleien der Guerillas gegen die Japaner reagieren diese mit «wütenden Razzien» gegen die Einheimischen. So exekutieren sie etwa Einheimische und brennen aus Rache erntereife Kornfelder ab. Die Guerillas plündern die spärlichen Vorräte der Bevölkerung dadurch zusätzlich.


«The Japanese Government»: Die japanischen Besatzer druckten eigenes Geld.


Die Einheimischen druckten während der Besatzung eigenes Geld auf Packpapier.

Kommt dazu: Ruths Vater fängt sich schon früh Hakenwürmer ein und erkrankt später auch noch an Malaria. «Mangels ärztlicher Versorgung raffte es Hunderte der lokalen Bevölkerung dahin.» Trotzdem arbeitet der geschwächte Vater weiterhin rund ums Haus. «Aber im Laufe der Zeit lag die Hauptlast doch auf meiner Mutter und mir.»

Das Dorf rückt angesichts der schwierigen Situation immer stärker zusammen. «Im Laufe der Zeit waren wir schon fast eine Kommune. Wenn jemand ein Schwein schlachtete, wurde das Fleisch verteilt, lagern konnte man es ja nicht.» Peters züchten selber auch ein Ferkel heran, besitzen Hühner und Enten. «Man hat Tauschhandel betrieben und alle haben davon profitiert.» Auf Packpapier druckte die lokale Bevölkerung gar eigenes Geld.




«Im Laufe der Zeit lag die Hauptlast doch auf meiner Mutter und mir.»
Ruth Reich

Als sich der gesundheitliche Zustand ihres Vaters immer mehr verschlechtert und bedrohliche Züge annimmt, geht 1945 in den Bergen ein verheissungsvolles Gerücht um: Die US-Amerikaner sollen auf der Insel gelandet sein. Ob es stimmt, weiss niemand so genau, verlässliche Informationen gibt es keine. «Etwas vom Schlimmsten war diese stetige Ungewissheit», sagt Ruth Reich.

Trotzdem wagt sie sich mit Trägern ins Tal, auf der Bahre liegt ihr schwerkranker Vater. «Der Weg über den schmalen und beschwerlichen Pfad nahm einen ganzen Tag in Anspruch.» Als die Amerikaner in einer Kolonne von kleineren Panzern in der inzwischen verlassenen Zuckermühle auftauchen, trauen sie ihren Augen kaum: Ein junges, weisses Mädchen fleht am Strassenrand um Hilfe für ihren kranken Vater. «Buchstäblich in letzter Minute wurde er von einem Arzt gerettet. Im Leben gibt es manchmal wundervolle Zufälle.»

Im überfüllten Kriegsschiff nach San Francisco

An Bord eines amerikanischen Kriegsschiffs wird die Familie später in die Hauptstadt Manila gebracht, in einem «Camp for displaced persons» untergebracht, medizinisch betreut und aufgepäppelt. Nach neun Wochen im Lager startet die Heimreise.

«Etwas vom Schlimmsten war diese stetige Ungewissheit»,
Ruth Reich

Gezeichnet vom Weltkrieg: Ernst, Margaritha und Ruth Peter nach dreieinhalb Jahren in den Bergen.

Zusammen mit 16 weiteren Zivilisten und 3000 heimkehrenden Soldaten werden sie mit einem Truppentransporter nach San Francisco verschifft. «Das Schiff war eigentlich nur für 800 Personen vorgesehen, es war unglaublich überladen, alle wollten nur noch nach Hause.»

Ruth Reich erinnert sich noch gut an die Ankunft in San Francisco, unter der Golden Gate Bridge hindurch, darauf hunderte, den Soldaten zuwinkende Amerikaner. In einer Schublade in ihrer Wiesendanger Wohnung besitzt sie heute noch einen Löffel von dieser Überfahrt, mit dem sie aus einer Militär-Gamelle ass. «U.S.» ist darauf eingestanzt.

Nach einer Zugfahrt nach New York bringt ein Zerstörer die Familie 1946 ins französische Le Havre. «Die amerikanische Flotte war die einzige Reisemöglichkeit.» Die letzte Strecke absolviert die Familie mit dem Zug.

Wieder zu Hause in Winterthur angekommen und wohnhaft, trifft ein allererster Brief für Ernst Peter ein. Darin eine Rechnung — für den Schweizer Militärpflichtersatz.

Nach der Rückkehr noch 17 Jahre in Singapur gelebt

Ruth Peter heiratete am 26. Oktober 1957 den Winterthurer Arthur Reich. Dieser arbeitete damals in Singapur für eine Schweizer Handelsfirma. Die Hochzeit fand während seines ersten Heimaturlaubs nach vier Jahren Arbeit im Fernen Osten statt. Ruth und Arthur verbrachten anschliessend weitere 17 Jahre gemeinsam in Singapur, bevor sie 1974 wieder in die Schweiz zurückkehrten. Zusammen haben sie drei Söhne.

Ruths Vater Ernst Peter verstarb im Alter von 67 Jahren. Nach seinem Tod verbrachte seine Witwe Margaritha Peter dreieinhalb Jahre bei ihrer Tochter in Singapur. Sie verstarb in ihrem 99. Lebensjahr. (gab)

Text: Jonas Gabrieli
Produktion: Fabian Röthlisberger

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